Grafik von zwei Personen, die nachdenklich und einander zugewandt vor einem Monitor sitzen

Interview: Prävention durch Kompetenzförderung

Welche Kompetenzen benötigen junge Menschen, um weniger anfällig für digitale Radikalisierungsstrategien zu sein? Vor welchen Herausforderungen stehen pädagogische Fachkräfte bei der Vermittlung? Antworten auf diese Fragen gibt unser Interview mit ExPO – Extremismusprävention Online.

Das Interview wurde im Februar 2022 mit Frederieke Huwald und Piotr Suder vom Projekt ExPO – Extremismusprävention Online geführt.


Mit welchen Ansätzen können junge Menschen gegen Online-Radikalisierung gestärkt werden?

Suder: Wir vertreten den Standpunkt, dass Prävention ganzheitlich betrachtet werden sollte. Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass es sowohl um Online- als auch um Offline-Faktoren geht. Es geht zum Beispiel darum, dass die Jugendlichen, egal was sie machen, egal wer sie sind, Anerkennung verspüren. Es geht darum, ihnen als pädagogische Fachkraft eine Stütze zu sein und ihnen bei der Orientierung im Leben zu helfen, bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, bei der Qualifizierung.

Es geht aber auch darum, Kompromisse einzuüben. In pädagogischen Einrichtungen sollte vermittelt werden, dass es verschiedene Perspektiven gibt – nicht nur meine eigene. Was wir in unseren Workshops machen, ist, mit Jugendlichen zu diskutieren. Und dazu beizutragen, dass sie sich ihre eigenen Haltungen bewusst machen. Wichtig ist auch, dass eine gesunde Skepsis entsteht gegenüber Akteuren, die andere Menschen diffamieren aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit oder aufgrund ihres Geschlechts.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, die konstruktive Artikulation der eigenen Perspektive und der eigenen Interessen zu stärken. Wir müssen Jugendlichen die Möglichkeit geben, das, was sie denken und was sie beschäftigt, zu äußern. Das soll durchaus auch kritisch sein, aber nicht grundsätzlich gegen die Gesellschaft gerichtet, wie es viele islamistische Akteure tun. Das kann dazu beitragen, dass die Jugendlichen Selbstwirksamkeit erfahren.


Welche Rolle spielt Medienkompetenz?

Huwald: Wir gehen davon aus, dass junge Menschen bereits Expert*innen sind, wenn wir von der klassischen Medienkompetenz sprechen – was zum Beispiel soziale Medien angeht oder Smartphones. Wir sprechen daher weiterführend von Informationskompetenz. Wo kommen die Informationen her? Welche Gruppierungen oder Personen stecken überhaupt dahinter? Wer hat dieses Meme erstellt? Was soll das überhaupt aussagen? Wie kann ich Information oder auch Desinformation richtig einordnen? Das ist für Viele relativ schwierig. Für Jugendliche sowie auch für Fachkräfte. Das ist ein Thema, mit dem wir uns alle beschäftigen sollten, um auch subtile Ansprachen zu erkennen, eine bestimmte Sprache oder Hashtags.


Wie vermitteln Sie Jugendlichen diese Medienkompetenz?

Huwald: Zum einen sollte man als pädagogische Fachkraft natürlich einen Überblick darüber haben, was überhaupt stattfindet. Man sollte sich also zuallererst einmal selber damit beschäftigen und auch weiterbilden. Ich empfehle einen Test zur Informationskompetenz, den man auch mit Gruppen durchführen kann [z. B. der NEWS-TEST auf der Internetseite der Medienanstalt NRW, Anmerkung der Redaktion]. Dort wird einem klar: Worauf achte ich eigentlich? Was sind bestimmte Sätze oder Wörter, die fallen? Wie kann ich das identifizieren?


Erarbeiten Sie mit Jugendlichen oder Fachkräften gemeinsamm welche Quellen vertrauenswürdig sind?

Suder: Es ist natürlich grundsätzlich gut, Quellen zu haben, denen man vertrauen kann. Man kann im Rahmen von Workshops darauf verweisen. Aber ich glaube, wenn man sich die Grundsätze der politischen Bildungsarbeit anschaut, dann geht es in erster Linie darum, sich gar nicht so sehr auf einzelne Seiten zu verlassen. Sondern darum, verschiedenste Perspektiven zu berücksichtigen, idealerweise sich widersprechende Perspektiven. Und dann darüber nachzudenken, wo denn die Wahrheit liegen könnte. In der Arbeit mit älteren Jugendlichen macht es Sinn, darauf zu verweisen, dass Informationen immer selektiv sind, auch bei zuverlässigen Quellen.

Es ist wichtig zu erkennen, dass Akteure – wie religiöse Autoritäten – immer auch eigene Interessen verfolgen und dass sie, egal wie souverän sie sprechen, lediglich bestimmte Perspektiven einnehmen. Und dass es durchaus auch andere Perspektiven gibt, die ebenfalls legitim sind.

Im Rahmen unserer Medienwerkstatt analysieren wir gemeinsam mit Jugendlichen Videos. Wir schauen, wie die Videos auf einen selbst wirken. Es geht darum, die Wirkung nicht als Zufall zu verstehen, sondern zu merken, dass sie von den Machern so gewollt ist. Dass viele Videos emotionalisieren und eigentlich nur wenige sachliche Information transportieren.

Außerdem ist es wichtig, die Funktionsweise des Internets zu verstehen. Dass es kein Zufall ist, dass man immer wieder mit ähnlichen Videos konfrontiert wird, sondern dass ein Algorithmus dahintersteckt. Es existieren auch komplett andere Videos, die ich nur nie zu sehen bekomme.


Was müssen pädagogische Fachkräfte wissen und können, um jungen Menschen das vermitteln zu können? Und wie können die pädagogischen Fachkräfte dazu befähigt werden?

Huwald: Fachkräfte sollten versuchen, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und sich mit ihnen auszutauschen. Sie sollten sich aber auch selbst Wissen aneignen. Welche Plattformen sind wichtig? Was ist ein Meme? Wie funktionieren TikTok und Instagram? Was ist gerade angesagt? Es ist wichtig, da offen zu bleiben, auch wenn es natürlich sehr viel Arbeit ist.

Es ist eben nicht authentisch, sich hinzustellen und zu sagen: „So, wir erzählen euch jetzt was zur extremistischen Radikalisierung im Internet“, wenn man selbst keine Erfahrung damit hat. Und wichtig ist auch, dass man ernst nimmt, dass das Leben von Jugendlichen viel auf Social Media stattfindet. Fachkräfte sollten diesem Teil der Lebenswelt mit Respekt begegnen.

Und dann ist es natürlich so, dass diese Medien- und Informationskompetenz auch von pädagogischen Fachkräften erst erlernt werden muss. Es gibt viele Angebote oder Workshops, die einem den Einstieg erleichtern. Und wenn man sich dann sicher fühlt im digitalen Raum, kann man überlegen, mit seinen Jugendgruppen oder Klient*innen selbst Aktionen ins Leben zu rufen. Was interessiert die Jugendlichen? Worauf haben die Lust? Möchten sie vielleicht selbst digitale Formate entwickeln?


Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die größten Herausforderungen für pädagogische Fachkräfte in Bezug auf islamistische Inhalte im Internet?

Suder: Viele Inhalte sind einfach Teil der Meinungsvielfalt in einer freien Gesellschaft. Diese Inhalte sind häufig gar nicht offen extremistisch. Sie rufen nicht zu Gewalt auf, sie rufen nicht zur Revolution auf. Sie sind sehr subtil. Die Akteure sagen nicht: „Wir müssen die Demokratie abschaffen.“ Sie sagen: „Wir können nur dann religionskonform und friedlich und gerecht leben, wenn die Gesellschaft auf der Scharia aufgebaut, auf religiösen Regeln.“

Zum Teil haben sie echt schöne Botschaften: „Nationen sollten uns nicht trennen, ob Afghane, Pakistaner, es spielt keine Rolle, wir sind alle Teil der Umma.“ [Anmerkung der Redaktion: Mit „Umma“ wird die Gemeinschaft aller Musliminnen und Muslime bezeichnet.] Es ist eine sehr grenzübergreifende Rhetorik. Aber wohin führt es denn, wenn tatsächlich umgesetzt wird, was die Akteure anstreben? Es wäre ein Gesellschaftsmodell, in dem Vieles nicht mehr vorhanden wäre, was für die Jugendlichen selbstverständlich ist. Wie zum Beispiel Musik machen, Musik hören, gemeinsam ausgehen oder auch seine Religion individuell leben. Alles wäre dem Verständnis der Islamisten untergeordnet und alle müssten sich danach ausrichten.

Ich glaube daher, es ist wichtig, diese Gedanken weiterzuspinnen – auch Dinge, die nicht direkt ausgesprochen werden. Und zu verdeutlichen, dass es ganz klare Nachteile hätte, wenn diese Menschen sich mit ihren Meinungen durchsetzen würden.

Und dann ist eine Herausforderung, dass das Feld sehr dynamisch ist. Es kommen ständig neue Akteure und neue Plattforme hinzu. Wir haben erlebt, dass Pädagoginnen und Pädagogen davon zum Teil überfordert sind. Die sind ja für viele weitere Aufgaben zuständig. Sie haben keine Zeit, sich tagtäglich damit zu befassen.

Huwald: Ja, die Fachkräfte sind häufig überfordert. Diese große Menge an Informationen, Angeboten und Plattformen im Internet ist sehr erschlagend für viele Menschen. Hier sollte die Politik Möglichkeiten schaffen, um entsprechende Schulungsprojekte zu finanzieren.